Waldwochen: Kinder brauchen Natur

Mehr aus einer Intuition heraus habe ich mich gemeinsam mit meiner Tochter im vergangenen Jahr dazu entschieden, Kindersommerwochen im Wald anzubieten.
Ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie diese Wochen sein sollten, konnte aber noch gar nicht genau erklären, warum ich es genau so wollte.
Die Kinder sollten so viel Freiheit wie möglich haben. Sie sollten nicht von einem Programmpunkt zum nächsten geführt werden, keine Leistungen erbringen und nicht ständig hören, was sie tun sollen. Gleichzeitig sollten sie etwas mitnehmen, das über eine Woche Betreuung im Wald hinausgeht.
Heute, im zweiten Jahr, kann ich viel besser in Worte fassen, was damals eigentlich nur ein Gefühl und eine Intuition war. Ich habe mich darauf verlassen – und offenbar auf etwas sehr Wesentliches.
Einen Raum öffnen
Wir wollen den Kindern einen Raum öffnen, in dem sie sich entwickeln können.
Sie dürfen sich im Wald bewegen, entdecken, bauen, spielen, beobachten, klettern, schnitzen, erzählen oder einfach einmal nichts tun. Sie müssen eigentlich gar nichts.
Es gibt nur wenige Regeln. Und gerade deshalb sind diese Regeln für uns wichtig.
Wir respektieren einander.
Jedes Kind darf so sein, wie es ist. Niemand wird für seine Art bewertet oder ausgelacht. Wir versuchen, Konflikte nicht mit Gewalt zu lösen, sondern miteinander. Wenn möglich, finden die Kinder selbst eine Lösung. Nur wenn sie nicht weiterkommen, kommen Rebekka oder ich dazu und unterstützen sie.
Dabei lernen die Kinder etwas ganz Wesentliches: die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sie klarzumachen – und gleichzeitig die Grenzen des anderen zu respektieren.
Es geht nicht darum, sich einfach durchzusetzen.
Es geht darum, immer wieder zu schauen:
Was brauche ich? Was brauchst du? Wo sind deine Grenzen? Wo sind meine? Und wie können wir uns treffen, sodass es für uns beide passt?
Freiheit will gelernt sein
Und so selbstverständlich diese Freiheit für uns klingt – für die Kinder ist sie es nicht immer.
Manche tun sich zunächst schwer damit, so wenig Vorgaben zu haben. Manche warten darauf, dass wir ihnen sagen, was sie tun sollen. Andere erwarten, dass wir sie beschäftigen oder für Unterhaltung sorgen.
Und hier beginnt auch unsere Aufgabe als Betreuerinnen.
Wir müssen diese Forderung zunächst einmal aushalten.
Nicht gleich eine Beschäftigung anbieten, nur weil gerade Langeweile entsteht. Nicht jede Leerstelle füllen.
Das ist manchmal gar nicht so einfach.
Denn wir Erwachsenen haben schnell das Gefühl, etwas tun zu müssen, wenn ein Kind sich langweilt oder nicht weiß, was es mit sich anfangen soll. Doch gerade in diesem Moment kann etwas Wichtiges passieren, wenn wir es aushalten.
Nach dem ersten Widerstand beginnt das Kind, selbst nach Möglichkeiten zu suchen.
Vielleicht entdeckt es einen Ast. Baut etwas. Beobachtet einen Käfer. Beginnt mit einem anderen Kind ein Spiel. Klettert auf einen Baum. Erfindet eine Geschichte.
Und plötzlich wird aus dem „Mir ist langweilig“ ein „Schau mal, was ich gefunden habe!“
Es braucht manchmal ein bisschen Zeit, bis ein Kind diesen freien Raum wirklich für sich entdeckt und auszuloten beginnt, was hier eigentlich alles möglich ist.
Genau das wollen wir ihm ermöglichen.
Nicht, dass wir den Tag für das Kind gestalten.
Sondern dass das Kind seinen Tag ein Stück weit selbst gestaltet.
Und vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen, die wir ihm mitgeben können: Ich kann selbst etwas anfangen. Ich kann eigene Ideen entwickeln. Ich kann Lösungen finden. Ich kann mir selbst vertrauen.
Zu Gast im Wald
Und dann ist da noch der Wald selbst.
Wir wollen den Kindern vermitteln, dass wir hier nicht die Besitzer sind. Wir sind Gäste.
Natürlich dürfen wir Materialien aus dem Wald zum Spielen und Bauen verwenden. Aber wir nehmen nicht einfach wahllos etwas, reißen es ab und werfen es kurze Zeit später wieder weg, weil wir etwas anderes entdeckt haben, das uns noch besser gefällt.
Wir gehen achtsam mit dem um, was uns die Natur zur Verfügung stellt.
Wir respektieren die Bewohner des Waldes. Auch jene, die wir vielleicht nicht besonders hübsch finden oder vor denen wir uns sogar ekeln.
Sie sind hier zu Hause. Nicht wir.
Und wenn wir den Wald wieder verlassen, wollen wir möglichst wenig zurücklassen – außer unseren Fußspuren und vielleicht unseren selbstgebauten Häusern aus Materialien, die wir uns für eine Weile vom Wald ausgeliehen haben.
Was passiert, wenn Kinder einfach sein dürfen?
Die Rückmeldungen der vergangenen Wochen haben uns berührt.
Eine Mutter erzählte uns, dass ihr Kind noch von keinem anderen Sommercamp so ausgeglichen nach Hause gekommen sei.
Eine andere sagte, wie schön es für sie sei, dass ihr Kind sich jeden Morgen darauf freue, wieder ins Camp zu gehen.
Und besonders freut uns, dass viele Kinder, die bereits im vergangenen Jahr dabei waren, auch heuer wiedergekommen sind. Für uns ist das eine wunderbare Bestätigung.
Vielleicht braucht es manchmal tatsächlich gar nicht so viel.
Vielleicht brauchen Kinder nicht noch mehr Angebote, noch mehr Programm und noch mehr Dinge, die sie können oder erreichen sollen.
Vielleicht brauchen sie manchmal einfach Raum.
Raum, um herauszufinden, worauf sie selbst Lust haben.
Raum, um eigene Ideen zu entwickeln.
Raum, um Konflikte auszutragen und Lösungen zu finden.
Raum, um ihre Grenzen kennenzulernen.
Raum, um sich schmutzig zu machen, zu klettern, zu bauen, zu beobachten, zu staunen.
Und vielleicht auch Raum, um herauszufinden, wer sie eigentlich sind, wenn gerade niemand von ihnen etwas erwartet.
Unser Konzept ist deshalb denkbar einfach:
Komm in den Wald.
Sei du selbst.
Entdecke. Spiele. Streite. Vertrage dich. Staune.
Ohne Leistungsdruck. Ohne Erwartungshaltung.
Und vielleicht nimmst du am Ende etwas mit, das viel wichtiger ist als das, was wir Erwachsenen dir hätten beibringen können: das Vertrauen in dich selbst.
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